Kinder und neue Medien

Irgendwann hat man als Papa oder Mama bei jedem Kind mal den Eindruck, es sei computersüchtig. Fernsehen ist ja schon länger eine harmlose Einstiegsdroge, und ein, zwei Stunden vor der Glotze fallen fast nicht mehr auf, wenn der Nachwuchs ansonsten ganze Sonntagnachmittage mit iPad und Smartphone verbringt. Oder gleich online mit seinen Kumpels virtuell versumpft.

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Aber nicht jedes Kind ist wirklich mediensüchtig – die wenigsten sind es, und manche Psychologen bezweifeln, ob es Mediensucht im klinischen Sinne tatsächlich gibt. Kinder erliegen nur – wie wir Erwachsenen auch – gerne mal den Verlockungen der medialen Welt. Und diese Verlockungen haben es natürlich in sich.

Da stellt sich die Frage, sind neue Medien für Kinder gut? Oder schlecht? Oder gar – beides?

Erst mal die schlechte Seite: Jede Art von Bildschirm-„Arbeit“ hat gesundheitliche Folgen. Direkte, z.B. für die Augen, aber auch indirekte, durch Bewegungsmangel. Noch wichtiger aber ist, dass elektronische Medien, und insbesondere interaktive wie Computerspiele, einen Überstimulus für das Dopaminsystem darstellen.

Huh, was? Dopaminsystem? Ganz einfach: Immer, wenn wir etwas machen oder bekommen, von dem die Evolution denkt, dass es gut für uns sein müsse, wird im Gehirn Dopamin ausgeschüttet. Das ist quasi das Belohnungshormon. Leider hat die Evolution nicht mit Sahnetorten, iPads und Fernsehsesseln gerechnet. Deshalb wird Dopamin auch gerade bei Dingen ausgeschüttet, die nur in sehr begrenztem Maße für uns gut sind.

Bei komplexen Tätigkeiten, die Konzentration erfordern und erst mit viel Mühe zum Erfolg führen, wird auch Dopamin ausgeschüttet – aber erst, wenn sich der Erfolg einstellt, und dann auch nicht wesentlich mehr als wenn wir – zum Beispiel – bei einem einfachen Computerspiel ein neues Level erreicht haben. Daher können Dinge wie Lesen, Handarbeiten, Malen und Wandern nur schwer mit elektronischen Unterhaltungsmöglichkeiten mithalten.

Das Fatale: Je öfter das Dopaminsystem aktiviert wird, desto weniger stark reagiert es. Es gibt also eine Spirale zu immer stärkeren Stimulationen oder, kurz gesagt, ein Suchtpotential. Einfache Spiele, insbesondere sog. „Free-to-play“-Spiele, bei denen man sich Gegenstände für echtes Geld zukaufen kann, die den Erfolg steigern, nutzen das gnadenlos aus. Das berühmt-berüchtigte Candy Crush ist zum Beispiel ein Spiel, das einzig und allein dazu konzipiert wurde, das Dopaminsystem des Spielers anzusprechen. Kinder sind leider für diesen Mechanismus recht anfällig.

Soweit die schlechten Seiten. Jetzt zu den guten: Viele Eltern hoffen ja, dass wenn der Nachwuchs sich schon durch stundenlanges Zocken am Computer Haltung, Augen und Figur verdirbt, er wenigstens für die neue digitale Welt gewappnet  und ein ‚digital native‚ wird, also jemand, der mit digitalen Werkzeugen aufgewachsen ist und sich dort zuhause fühlt.

Das geschieht auch bis zu einem gewissen Grad. Allerdings wird dieser Nutzen hoffnungslos überbewertet. Die Fähigkeiten, die sich Kinder durch Spielen am Computer und Tablet PC aneignen, sind sehr schnell erlernt. Kein Mensch, der in seiner Kindheit nie am Computer gesessen ist, wird auf Dauer daran verzweifeln, wie man auf einem iPad die Kamera einschaltet. Das lässt sich sehr schnell erfassen, und im Zweifelsfall lässt man sich’s von einem digital native zeigen.

Interessanterweise aber sind heutige Jugendliche im Durchschnitt wesentlich schlechter in der Lage, sich bei Computer-Problemen selbst zu helfen, als das noch die Generation der 90er-Jahre war. In den 90ern hatte fast jeder (männliche) Jugendliche Zugang zu einem PC und wusste zumindest in groben Zügen, wie man eine Grafikkarte wechselt und den Speicher ausbaut. Viele haben am Heimcomputer, der damals noch ein Amiga oder C64 war, Programmieren gelernt.

Heutzutage ist die elektronische Welt so bunt und zugänglich geworden, dass es vielen jugendlichen Nutzern völlig fremd ist, dort überhaupt auf Probleme zu stoßen. Dadurch fehlt aber oft auch ein tieferes Verständnis dessen, was unter der „Motorhaube“ vor sich geht. Damit einher geht ein mangelndes Sicherheitsbewusstsein, was Gefahren wie Phishing-Angriffe, Viren und Social Engineering betrifft.

Ich habe beruflich bis vor Kurzem zahlreiche Informatikstudenten als Praktikanten betreut. Interessanterweise waren die besten dieser Praktikaten jene, die bis zum Beginn des Studiums nie etwas mit Computern zu tun hatten.

Denn die wichtigsten Fähigkeiten in der digitalen Welt, also lösungsorientiertes Denken, evidenzbasiertes Entscheiden, mathematische Fertigkeiten, algorithmisches Verständnis, erlangt man am Besten „offline“. Durch eigenständiges, unabgelenktes Denken und Lesen. Und, indem man konzentrationsfähig und diszipliniert lernt, seine Aufmerksamkeit zu fokussieren. Das kann man nur, indem man sein Dopaminsystem ausruhen lässt und es nicht permanent stimuliert.

In diesem Sinne ist Langeweile das Beste, was einem passieren kann. Bezeichnend ist, wie wenig heutzutage Kinder und Jugendliche, aber genauso auch Erwachsene, einen abendfüllenden Spielfilm ohne große Action ansehen können, ohne sich dabei gleichzeitig vom Tablet PC auf dem Schoß ablenken zu lassen. Macht mal das Experiment: Seht Euch einen Thriller wie „Der unsichtbare Dritte“ in ganzer Länge und ohne Ablenkung an. Ihr werdet erstaunt sein, wie schwer das heutzutage bei einem Film fällt, bei dem 1959 dem Pulikum der Atem gestockt ist.

Heisst das jetzt, neue Medien sind gar nichts für Kinder? Nein, das heisst es nicht. Im Gegenteil: Gerade hier entstehen neue Kulturwerke, die heute noch völlig unterschätzt werden. Gerade so manches Computerspiel hat heute mehr Herz, Intelligenz und Tiefe als so mancher Hollywood-Blockbuster. Kinder sollten diese Welt kennenlernen und Freude an ihr haben dürfen.

Es liegt in der Natur elektronischer Medien, dass man sich dort auch mal für einige Stunden verlieren kann – manchmal auch für einige Tage und Wochen. Aber man muss wieder auftauchen können, und Eltern sollten genau darauf achten, ob ein solches Sich-Vertiefen ihren Kindern noch gut tut oder nur noch ein Gefangensein in einer glorifizierten Skinnerbox ist.

Kinder, deren Erfahrungswelt durch das Arbeiten und Basteln mit den eigenen Händen, durch Abenteuer in der Natur, durch Lesen, Malen und Schreiben, durch die Kraft des eigenen Ausdrucks geprägt ist, haben es leichter, die Gefahren, Verlockungen und Chancen der digitalen Medien einzuordnen und mit ihnen kreativ umzugehen. Schickt die Fantasie Eurer Kinder erstmal auf eigene Wege, bevor ihr sie auf die Schienen eines perfekt durchgestylten 3D-Films setzt.

Eltern, die mit ihren Kindern von Zeit zu Zeit ein „Medien-Fasten“ machen, stellen erstaunt fest, wie schnell und intensiv die Kreativität ihrer Kinder sich Bahn bricht, wenn der übliche Medienkonsum mal wegfällt. Anschließend lässt sich die Fülle und der Reichtum der neuen Medien wieder besser würdigen und – besonders wichtig – als Treibstoff für die eigene Vorstellungswelt nutzen.

Kurz gesagt: Gebt den Kindern die Werkzeuge an die Hand, Medien nicht nur zu konsumieren, sondern sie auch zu gestalten und sich kreativ anzueignen.